Tout semble impossible

pour ceux qui n'ont jamais rien essayé (J.-L. Etienne)

Übersichtskarte

Mittwoch, 18.05.2011 Nachholbedarf

Es ist schon wieder so viel passiert und ich komme gar nicht dazu, alles aufzuschreiben!

Letzte Woche haben wir El Ourit (sprich Lorett) besichtigt. Das ist eine Grotte, in die ein Wasserfall fließt. Der kommt eigentlich von dem Stausee bei Lalla Setti, doch weil der fast ausgetrocknet ist, hilft man mit Pumpen nach. Das Ergebnis bleibt das gleiche: ein traumhafter, romantischer Ort, mit dem Wasserfall, dem Einfall der Sonne, blühenden Blumen… Weiter oben am Berghang befindet sich eines der ersten Bauwerke Eiffels. Vor dem Turm in Paris hatte er eine Eisenbahnbrücke in Algerien konstruiert, in der Zeit als es noch zu Frankreich gehörte. Ähnlich wie mit den Steinen ist es verboten, Brücken (und Polizisten, Polizeistationen, Militärgebäude etc.) zu fotografieren. Diese Regelung stammt noch aus den 90er Jahren, dem „décennie noire“ (das schwarze Jahrzehnt), als Algerien dem islamistischen Terror ausgeliefert war. In den Notstandsgesetzen, die noch heute gelten, ist es verboten „Staatsgeheimnisse“ zu fotografieren. Ich könnte ja planen, die Brücke zu sprengen…

Nach El Ourit haben wir den Meshouar näher besichtigt. Das ist die Rekonstruktion eines Königspalastes aus dem 13. Jahrhundert, die Zeit als Tlemcen Hauptstadt und kulturelles Zentrum des Maghreb war. Umgeben von einer Verteidigungsmauer befindet sich der Königspalast, eine Moschee, ein Amphitheater und heute auch die Fondation „La Grande Maison“. Man kann auf die Mauer steigen und unter Todesgefahr einen Rundgang machen. In Deutschland wäre es sicher nicht erlaubt, die Leute ohne Geländer in mehreren Metern Höhe spazieren gehen zu lassen. Von dort oben sieht man wieder die Stadt am Berghang, man sieht das Café, wo wir öfters hingehen, gegen die Gewohnheiten der Leute in Tlemcen. Für die Männer ist es normal, aber für die Frauen überhaupt nicht. Aber wir sind Ausländer, wir dürfen das! Mit unserer dritten Mitbewohnerin, Hourria, die aus Tunis kommt, sind wir wohl die einzigen in Tlemcen, die sich das trauen. Naja, "trauen", mir wurde gesagt, es sei einfach nur gegen die Gewohnheiten der Leute, nicht direkt gegen Moralvorstellungen. Es gibt aber auch Cafés, bei denen man als Frau noch nicht mal über die Terrasse geht, also so viel dazu. Übrigens ist es ultra billig, dort Kaffee zu trinken. Für 4 Personen, die jeder zwei Getränke bestellen und Kuchen, zahlt man so ungefähr 3 €! Deshalb kann man sich das auch bei leeren Taschen noch leisten. Die drei C's sind die Lieblingsbeschäftigung der Algerier: café, cloppe et caccaouette (Kaffee, Zigarette und Erdnüsse). Und das stimmt...

Am Freitag haben wir wirklich in der Natur gegrillt. Leider nicht am Stausee wie vorgesehen, weil wir dort keinen schönen Platz gefunden haben. Dafür ein paar hundert Meter weiter an einem Berghang. Priscille und ich haben am Tag vorher Fleisch, Mettbällchen, Würstchen und Salate vorbereitet, Fethi und Abdelatif waren eigentlich für den Rest zuständig. Vor Ort haben wir eine Feuerstelle gefunden, sie haben aber leider (oder mit Absicht) nicht an Holzkohle gedacht und sind deshalb Holz suchen gegangen. Ich war erstaunt, wie gut das doch geklappt hat! Es hat sogar so gut geklappt, dass das Fleisch verbrannt und unser Krebsrisiko sicher in die Höhe geschossen ist. Nach dem Essen haben wir dann eine schöne Sieste unterm Blätterdach gemacht, Kühe sind vorübergezogen, Familien haben in unserer Nähe ihr Lager aufgeschlagen, alles in allem sehr idyllisch.

Samstag war die Verleihung des Literaturpreises Mohammed Dib, einer der wichtigsten Autoren Algeriens, der obwohl er auf französisch geschrieben hat, von allen anerkannt wird. Und zudem ist er aus Tlemcen (es gibt Stimmen, dass man ihn nicht verstehen kann, wenn man nicht in Tlemcen aufgewachsen ist). Mir wurde eigentlich versprochen, dass ich mithelfen könnte, aber ich war überflüssig. Da waren genug Leute, die sich besser auskannten als ich. Die Festlichkeiten haben am Samstag so ungefähr gegen 9:30 Uhr begonnen, um 8:55 Uhr sind noch die Putzfrauen durch die Gänge gezischt. Die Preise, die mit je 10 000€ dotiert sind, wurden an Autoren neuer Prosawerke verliehen, die in der Woche der Preisverleihung erst erscheinen dürfen, in den Sprachen Französisch, Arabisch und Tamazight, die Sprache der Berber und weitere offizielle Sprache des Landes. Der Preis auf Tamazight konnte nicht vergeben werden, weil die eingesandten Texte Gedichte waren und somit nicht dem Regelwerk entsprachen. Der arabische Preis ging an eine junge Frau. Für den französischen Preis konnte sich die Jury nicht zwischen zwei Werken entscheiden, deswegen wurde er geteilt. Übergeben wurden die Preise von einem Sohn und einer Tochter Mohammed Dibs persönlich. Im Anschluss gab es eine Kaffeepause mit den leckeren algerischen Keksen. Den Rest des Tages, Sonntag und Montag wurden Vorträge gehalten, zum Mohammed Dibs und verschiedenen literarischen Themen. Nach einem halben Tag Vorträgen hat es mir aber schon gereicht. Es ist zwar alles sehr interessant, Literatur interessiert mich, aber das war dann echt zu viel.

Am Abend hat die Theatergruppe der Fondation das Stück "Simorgh" aufgeführt, zu der auch Narimene gehört. Nach dem Text von Dib haben sie eine freie Interpretation gewagt, viel tanzend umgesetzt und damit unglaubliche Bilder inszeniert. Simorgh ist eine mythologische Geschichte, dass Vögel den Simorgh suchen. Jeder der Schauspieler hatte eine Farbe an und sie haben mit Schals Flügel symbolisiert. Da ich die Proben gesehen habe, weiß ich, dass sie neben den visuellen Bildern auch wunderschöne Klangbilder kreieren. Leider war der Saal viel zu groß, dieser Teil der Inszenierung ist nicht bis zum Publikum gedrungen.

Sonntag bin ich mit Anissa und Priscille nach Oran gefahren. Zwei Stunden Fahrt hin und zwei Stunden Fahrt zurück für drei Stunden shoppen. Oran ist im Gegensatz zu Tlemcen eine Großstadt, man hat richtig gesehen, dass die Leute sich anders kleiden, viel freier und vielfältiger. Was wahrscheinlich auch an dem größeren Angebot an Läden liegt. Anissa hat für ihren Mann eine Großbestellung Arbeitsschuhe und -hosen besorgt, dann haben wir lecker gegessen (Pizza und Panini) und sind dann durch die Läden gezogen. Ich war auf der Suche nach einer neuen Leinenhose, weil meine kaputt gegangen ist. In Tlemcen hab ich das nicht gefunden! Und wenn es richtig warm ist, geh ich ein in meinen Jeans (für meine letzte Woche ist allerdings nur Regen angesagt, deshalb werd ich wohl kaum dazu kommen, die Hose auch zu tragen...). Dann noch ein Eis, eine Abstecher in eine Buchhandlung und schon wieder zurück nach Tlemcen.

Übrigens hab ich mir in der Buchhandlung ein Buch gekauft, mit dem Kinder arabisch schreiben lernen. Der Haken an der Sache, ich hab keine Ahnung, wie die Gegenstände heißen, die die Kinder schreiben sollen, deshalb bin ich noch nicht so weit gekommen. Vier Buchstaben kann ich schon (Älifun, Bäun, Täun, Thäun, also A, B, T, Th wie in Englsich). Da aber die Buchstaben unterschiedlich geschrieben werden, ob sie am Anfang, in der Mitte oder am Ende des Wortes stehen und mit dem nächsten oft verschlungen sind, erfordert es einiges, schreiben zu lernen. Ein paar Worte kann ich schon sprechen und verstehen: Jeh (Ja), La (Nein), attene l'ma (gib mir mal das Wasser), chobs (Brot), schkun (wer?), schuf (guck mal), rani fil blass (ich bin auf dem Marktplatz), rani meji (ich komme), berka (genug!), sahett (danke), die Begrüßungsfloskeln salem (hallo) kirik? (wie gehts?) labess raja (gut, sehr gut), die Zahlen von 1-10, nhebek (ich liebe dich), kawut (eine Beleidigung) und dann kommt man schon zurecht, weil die Algerier selbst auch halb Französisch, halb Arabisch sprechen. Manchmal versteh ich, worüber gesprochen wird, weil französische Worte verwendet werden. blablabla faire les vaiselles blablabla (blablabla Geschirr spülen blablabla).

So, der liebe Fethi bereitet grade Burek zu. So ähnlich wie Börek bei denTürken (es gab mal eine türkische/ottomanische Invasion in Tlemcen) gefüllte Blätterteigtaschen mit Zwiebeln und Mett.  Bisou links und bisou rechts!!

El Ourit in seiner ganzen Prachtdie EiffelbrückeSonne :)mit Fethi bei El Ouritdiese Natur...der Stausee bei Lalla SettiGrillen auf offenem Feuerdie Feuerstelleso lässt es sich aushalten!Und der Mond zieht vorbei und geht auf und unter und zieht über mich hinweg und die Kühen kommen von rechts und gehen nach links und ziehen an mir vorbeiey, Papparazzi!Blick vom Grillplatz ausGewagte Schritte über dem Meshouardas Minarett des Meshouarauf gehts, zum Rundgangdas Amphitheater des Meshouarda gehts einige Meter weit runter...die grüne Stühle des Café DuplexFethi in der Küche, gleich gibts EssenEssen ist fertig!!

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Freitag, 13.05.2011 Système D

Ich hatte ja versprochen, über die Waschmaschine zu berichten. Gestern hab ich sie das erste Mal benutzt. Also, sie ist nicht komplett von Hand zu bedienen, es wird aber doch einiges an Mitarbeit verlangt. Die Maschine hat zwei Trommeln, in die linke wird die Wäsche zum waschen geschmissen. Dann Waschmittel drauf und Wasser mit einer Schüssel von Hand reingekippt. Was ich nicht bedacht hatte, war dass die Maschine auf "Drainage" stand, also der Stöpsel auf war. Und ich kipp eine Schüssel nach der anderen rein und wunder mich, wo das ganze Wasser bleibt. Nun stellt man die Zeit ein, maximal 15 Minuten für den Waschvorgang. Das tolle ist, man könnte der Wäsche die ganze Zeit beim drehen zugucken. Nach den 15 Minuten lässt man eigentlich das Wasser ab und es folgt ein Spülvorgang, bei dem wieder Wasser von Hand reingekippt wird - eigentlich. Ich habs geschafft, die Maschine kaputt zu machen, ich weiß zwar nicht wie, aber sie bewegte sich nicht mehr. Priscille und ich haben alles versucht, aber nichts zu machen, also SYSTEME D! Das steht für "Système, je me débrouille", ich komm schon zurecht. Hier funktioniert alles so und für mich bedeutete das, die ganze Wäsche von Hand über der Badewanne zu spülen. Zum Glück funktioniert der Schleudergang noch, so konnte ich die Wäsche wenigstens gut trocknen, um sie dann mit Système D aufzuhängen. Wir haben keinen Wäscheständer und die Wäscheleine auf dem Balkon wollte ich nicht benutzen, da liegt nämlich der Müll und der müffelt etwas streng. Stattdessen hab ich einen Lattenrost genommen, der hier noch rumsteht, ihn an einen Stapel Matratzen schräg angelehnt und voilà, ich konnte meine Wäsche aufhängen.

Wegen dieser ganzen Aktion bin ich übrigens zu spät in die Uni gekommen. Zum Atelier de Conversation. Aber mit einer halben Notlüge war das dann auch nicht so schlimm und überhaupt die Algerier kommen eigentlich selten pünktlich und ständig klingelt das Handy, auch mehrfach, lautlos exisiert hier nicht. Und wenn man dann doch mal auf lautlos stellt, dann hat man keine Lust mit der Person zu sprechen. Für den Unterricht stört das natürlich immens. Ich hab meinen Deutschstudenten gleich zu Anfang verklickert, dass ich das nicht leiden kann und dass man das in Deutschland nicht macht. Bis jetzt wurde ich noch nicht einmal durch ein klingelndes Handy gestört.

Ich hab ja noch gar nicht richtig darüber berichtet! Also ich gebe zweimal die Woche einen Konversationskurs auf Deutsch. Leider sind die Studenten nicht auf einem Niveau, weil manche erst mittendrin dazustoßen, andere den Kurs in Ermangelung eines Folgekurses schon ein zweites Mal machen, aber keiner kann sich richtig auf Deutsch unterhalten, deshalb nehme ich die Sachen aus dem Kurs wieder auf, erzähle ein paar Geschichten aus Deutschland und wir üben kleine Dialoge. Das klappt eigentlich sehr gut, bis auf dass ich fast nur männliche Studenten vor mir sitzen habe, die in fast jeder Stunde einen neuen Kumpel mitbringen, der kein Deutsch kann. Ich hab so den Verdacht, die sind nur wegen mir da... Es gibt sogar einige, die nach jeder Stunde zu mir kommen,um mir zu zeigen, was sie alles gelernt haben. Anfragen zu Handynummer oder MSN lehne ich seit meiner zweiten Woche konsequent ab! Das kann einem echt auf den Keks gehen. Letzte Woche habe ich mit diesem Kurs an einem Didaktikkolloquium teilgenommen. Oder vielmehr, ich wurde gefragt, ob ich eine 20-minütige Aktivität vor den Leitern der Sprachzentren Westalgeriens (ungefähr 15 Personen und nur eine konnte Deutsch sprechen) machen kann. Es gab weitere Präsentationen auf französisch und englisch. Dass ich keine Ahnung von Didaktik habe, war egal. Ich hatte ein Arbeitsblatt vorbereitet, auf dem ein Bild war mit einem Zimmer (Sofa, Stühle, Tisch, Zeitung, Bücherregal, Schrank, Pflanze, Telefon etc.). Zuerst haben wir die Wörter geklärt, dann sollten sie ankreuzen, ob die Aussagen dazu wahr oder falsch sind und die falschen anschließend korrigieren. "Das Buch liegt unter dem Tisch" - falsch! - "Das Buch liegt auf dem Tisch" in dem Stil. Leider waren die Gäste unter Zeitdruck, sodass ich die Besprechung der Aussagen nicht so ausführlich machen konnte. Aber im Anschluss wurde ich mit ihnen zum Mittagessen eingeladen, das hat sich doch gelohnt!

Ich hab übrigens doch noch einen Chech bekommen!! In grün und ich will den gar nicht mehr ablegen!

Heute grillen wir auf dem Berg Lalla Setti. Nicht im Restaurant wie beim letzten Mal, sondern wir grillen selber. Wenn man vom touristischen Zentrum noch ein bisschen weiterfährt, kommt man zu einer Ebene mit einem (fast ausgetrockneten) Stausee. Dort sind ein paar Bauerndörfer, wo man leckeres, ofenfrisches Brot essen kann, Eier und Milch direkt beim Bauern kaufen und obwohl man nur 10 Minuten Auto gefahren ist, ist man in einer komplett anderen Welt. Dorthin gehts heute, wir haben gestern schon Reissalat und Mettklöpse vorbereitet und es wurden 30°C versprochen!!

Wir, das sind übrigens Abdelatif, Priscille, Fethi und ich. Wir durchstreifen eigentlich jeden Nachmittag die Stadt, gehen gegen 20 Uhr ins Cafe und gucken dann was man noch so machen kann. Priscille, Abdelatif und Fethi bezeichnen sich selbst als Geschwister (frères et soeur) und es ist wirklich so. Die drei zoffen und zanken sich und nach ein paar Minuten liegen sie sich wieder in den Armen. Und da ich ja seit letztem Samstag mit Fethi "verlobt" bin, bin ich die Schwägerin, auf französisch, die "belle-soeur". Es ist komisch, ich kenne die drei seit zwei Wochen und es fühlt sich aber schon wie ewig an.

So, ich muss mich jetzt mal langsam fertig machen, bisou links und bisou rechts

die WaschmaschineWasser für die Maschineder WaschvorgangWäscheständer mit Système Dmein Chech :-*der erste Fleck auf meinem ChechRegenschutzmit Fethi und AbdelatifAbdelatif und Priscilleder Stauseedie Umgebung außerhalb von Tlemcen

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Montag, 09.05.2011 Halbzeit

Jetzt sind schon wieder drei Wochen rum, das ist die Hälfte! Ich hab die Tage meinen ersten Blogeintrag noch einmal gelesen und was war ich panisch! Ich wollte echt nicht abreisen, in dieses fremde, muslimische Land, in dem eine Frau sich nicht alleine bewegen kann und wenn ich dann niemanden kennen lerne, dann versauer ich in einem ekligen Studentenwohnheim. Aber schlagartig seit meiner Ankunft sind alle Ängste verflogen. Ich wurde direkt von einer netten Familie aufgenommen, die mir zugleich einen knallharten und einen sanften Einstieg in die algerische (besser gesagt die von Tlemcen) Gesellschaft geboten hat. Es ist so viel anders und doch noch so viel gleich im Vergleich zu Deutschland, dass ich die ganze Zeit eher staune als Angst habe. Es stimmt, dass ich hier nur tagsüber alleine rumlaufe, abends kann es passieren, dass frau sehr blöd angemacht wird. Aber es ist immer jemand da, der mir etwas zeigen will oder mit dem ich auch noch abends etwas unternehmen kann. Deshalb hab ich überhaupt gar keine Zeit, Deutschland wirklich zu vermissen. Die nächsten drei Wochen werden wahrscheinlich auch im Flug vergehen und ich werde mich ärgern, nicht doch einen späteren Abreisetermin genommen zu haben. Wobei bei meinen anfänglichen Ängsten, sind 6 Wochen doch schon ziemlich lang gewesen...

auf Lalla Setti

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Sonntag, 08.05.2011 Fahrt durch die Wilaya Tlemcen

Fethi und ichCa y est, ich bin mal wieder verlobt (gewesen). Diesmal mit Fethi, dem besten Freund hier in Tlemcen von Précile (ich hab heute erfahren, dass sie Priscille heißt... man, nicht mal die Französischen Namen kann ich auffassen!!). Also, alles fing damit an, dass das Haarorakel, ich wusste nicht mal, dass es das gibt, uns mitgeteilt hat, dass ich jemanden heiraten werde, dessen Vorname mit F beginnt. Später hab ich das Priscille erzählt und im Laufe des Gesprächs war ich dann plötzlich mit Fethi verlobt. Aber die Hochzeit ist schon wieder abgesagt, aber sowas von! Es gibt da gesellschaftliche Gründe, die dagegen sprechen, drei an der Zahl: ich bin nicht aus Tlemcen, ich bin nicht mal aus Algerien und ich bin nicht Muslima. Laut Priscille spräche dafür, dass ich blond bin, helle Augen habe und einen ansprechenden Körperbau. Aber wir wurden uns nicht drüber einig, was die Aufgaben einer Frau sind, also ist alles wieder abgesagt.

Dabei hatten wir sogar schon den perfekten Ort für die Hochzeit gefunden... Wir haben gestern eine Rundfahrt durch den Norden der Wilaya (so ähnlich wie ein Bundesland in Deutschland) gemacht, an einen Hafen, ans Meer und noch an die marokkanische Grenze. Nachdem Toufik (ein Freund von Fethi) Benzin gefunden hatte, ich glaube er hat eine Stunde warten müssen, gings gegen 12.30 Uhr los nach Ghazaouet (sprich: Rasaouett). Und es ging gleich hardcore los: frische Meeresfrüchte im Hafen. Eigentlich kann ich die überhaupt nicht ausstehen. Besonders Krabben und Calamaris, diese Konsistenz und wenn ich bedenke, dass man ja ihre ganzen Innereien mitisst, kommts mir echt wieder hoch! Aber ich hab mich durchgerungen, alles mal zu probieren und als ich die Gedanken ausgeschaltet habe, wars sogar ganz lecker. Nur vor dem Krabbenpulen hab ich mich gedrückt, ich hab mich auf die Calamaris konzentriert. Danach sind wir noch ein bisschen im Hafen spazieren gegangen, ein richtiger Fischereihafen, Frachten waren dort nicht so viele. Das Besondere sind zwei grosse Felsen, die in der Hafeneinfahrt stehen, genannt die zwei Brüder. Im Anschluss sind wir in einen kleinen Ort gefahren, Sidna Youcha, wo echt nix los war, aber dort sollen alle Leute aus Tlemcen ihre Sommerresidenzen haben. Die Strandpromenade war dementsprechend nett gestaltet. Der Strand war ein Kieselstrand, aber sowas von schöne Steine hab ich selten gesehen. Es ist offiziell verboten, Steine und Sand aus Algerien mitzunehmen, ursprünglich mal aus Angst, dass die archäologischen Artefakte gestohlen werden. Mit einem Foto und einigen Steinen im Koffer, werd ich die Zollbeamten schlagen! HA! Auf jeden Fall wäre an diesem Strand die Hochzeit geplant gewesen. Fethi und sein Kumpel haben dort früher ihre Sommer verbracht und ich hab mal anmerken lassen, dass ich mich mit einem Strandhaus ganz eventuell noch umstimmen lasse... Anschließend sind wir auf einen Berg gefahren, von wo man auf den Strand runtergucken konnte. Von dort konnte man außerdem schon Marokko und eine spanische Insel sehen, es ist also alles nicht weit weg von hier!

Von dort aus gings an der Küste entlang Richtung Marokko. Unterwegs haben wir noch frisches Quellwasser abgefüllt, das gut für den Magen sein soll. Irgendwann dann: "Guck mal Linda, da drüben ist Marokko." - Ich: "Hä wo?" - Die anderen: "Na da hinten, die rote Flagge!" - Ich: "Was?? Und wo ist die Grenze??" Diese Grenze ist der reinste Witz, der aber trotzdem enorme politische Brisanz hat. Vor einigen Jahren hat Algerien die Landgrenze nach Marokko geschlossen, umgekehrt aber nicht. Das bedeutet, dass die offiziellen Straßen und Zollkontrollen auf algerischer Seite geschlossen sind, es steht vielleicht ein Wachmann und guckt. Ansonsten bildet ein ausgetrockneter Fluss die Grenze, das heißt dort sind Pflanzen und man sieht sie nicht, außer dass auf der "anderen Seite" rote anstatt weiß-grüne Flaggen wehen. An einer Stelle ist auf der algerischen und auf der marokkanischen Seite eine Strasse, getrennt wird das ganz symbolisch durch einen läppischen Holzzaun. Und natürlich funktioniert auch anbaggern grenzüberschreitend...

Die Zeichen dichten sich, dass die Grenze bald wieder aufgemacht werden könnte. Aber ich hab hier die verschiedensten Stimmen gehört, dass das gar nicht gewünscht wird. Anbgeblich weil zu viele Drogen rübergebracht werden. Aber mal ehrlich, welcher Schmuggler lässt sich von Pflanzen aufhalten. Es herrscht auch ein reger Verkehr von Benzin, das in Algerien günstiger ist als in Marokko. Im Grenzbereich steht eine Autowerkstatt neben der anderen und man sieht auch nur alte Mercedes, die dafür bekannt sind, einen grossen Tank zu haben. Wenn man dann noch dafür sorgt, dass auch das letzte bisschen Luft entweicht, kann man ganz schön Gewinn machen. Die Grenze wird dann mit Eseln überwunden, wer kann denn verhindern, dass ein Tier verbotene Wege geht. Dass das Tier in der einen Richtung Benzin trägt und in der anderen Richtung Geld, das ist dann halt Zufall. Wahrscheinlich muss man aber sagen, dass die Behörden auf dem Laufenden sind, aber die Augen verschliessen. Ob sie vielleicht geschmiert sind, das weiss ich nicht. Wenn ja, dann verlieren sie eine Einnahmequelle, wenn die Grenze wieder offen wäre.

Zum Abschluss des Tages gab es dann Fisch, mit Reis, in Safran-Tomaten-Sosse, gekocht von Priscille. Den Fisch hat sie vorige Woche persönlich ausgenommen, gestern hatte er noch den Schwanz und die Greten! Aber wenn ich es mir Recht überlege, hat er sogar gut geschmeckt! Nur das Entrgreten hat Priscille für mich und Fethi übernommen. Sie hat das einfach drauf! Ich hatte immer irgendwelche Greten im Mund, als ich es selbst probiert habe.

Bisou links bisou rechts :-*

Im Hafen von Ghazaouet, im die Felsen in der Mitte sind die zwei BrüderSteine klauenLöwenzahn auf den Klippen bei Sidna YouchaSidna Youcha vom Berg. Im Hintergrund ist die spanische Insel zu sehen, bei genauerer Betrachtung.Aufruf zu mehr Brüderlichkeit: Algerier und Marokkaner sind Brüderan der Grenze zu Marokkoder Holzzaun an der Grenze. Am Berghang verläuft die Strasse, von der aus wir durch Rufe und Pfiffe angebaggert wurden.Die algerisch-marokkanische GrenzeMan könnte meinen, ich sei in Marokkoder Strand auf der marokkanischen Seite

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Freitag, 06.05.2011 Vorurteile

Juhu! Wir haben Internet in der Wohnung! Vitam B ist wertvoll. Précile ist hier durch einen französisch-algerischen Austausch über das auswärtige Amt. Wenn sie in ihrem Abschlussbericht ein schlechtes Fazit zieht, wird der ganze Austausch eingestellt, die diplomatischen Beziehungen werden sich abkühlen und dann bricht der nächste Krieg aus. Vielleicht muss man es nicht ganz so dramatisch betrachten, aber wenn sie sich über etwas beschwert, wird sofort die Lösung des Problems eingeleitet. Das kann dann zwar auch wieder länger dauern, aber diesmal hats geklappt. Précile ist Anfang der Woche der Zuständigen für das Internet über den Weg gelaufen, hat sich bei ihr beschwert und noch am gleichen Abend hats funktioniert! Es war ja schon alles installiert, es hat nur nicht funktioniert!

Ich hab diese Woche zweimal meinen Geburtstag gefeiert, aber den Schal doch nicht geschenkt bekommen. Am Montag Abend hab ich mit Précile und ihren Jungs gekocht, Spaghetti Bolognese mit Geflügelhack. Das schmeckt echt lecker, aber ich glaub kaum, dass ich das in Deutschland kriegen werde. Wir sind in die Kakerlakenwohnung gegangen, das Wohnzimmer ist zum Glück nicht so verseucht und haben uns schön in die Terassentür gesetzt. Zur Vorspeise gabs Oliven (gut, das hätte ich mir wirklich als letztes gewünscht...) und leckeren algerischen Rotwein (aber das bleibt unter uns!!). Es gibt hier noch aus der Zeit der Franzosen Weinanbaugebiete, auch in der Umgebung von Tlemcen, aber da der Islam Alkohol ablehnt, wird der Wein hauptsächlich exportiert. Zudem wird man sehr schräg angeguckt, wenn man Alkoholkonsum erwähnt. Aber wir sind Ausländer, wir dürfen das! Also wir haben also lecker gegessen, dann kam noch der Hausmeister mit seiner kleinen Tochter, der wohnt auch mit hier auf dem Grundstück und unsere dritte Mitbewohnerin aus Tunesien. Es ist hier anscheinend so, dass man erst später gratuliert, wenn das Geburtstagskind eine Torte anschneidet. Eine richtig fette Sahnetorte mit Früchten dekoriert. Geschenke gabs auch, ein Bild mit einer berühmten Ruine aus Tlemcen und ein Buch über Kunst und Poesie aus Tlemcen, das erst dieses Jahr rausgekommen ist. Ich hatte leider noch keine Zeit, richtig drin zu lesen, ist aber vielversprechend. Gestern Abend dann, war ich eingeladen zu Ilhem, der Cousine von Narimene, zu einem Mädelsabend. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, aber sie haben für mich noch eine Geburtstagsfeier organisiert. Will heißen, es gab leckeres Essen, im Anschluss den leckeren algerischen Minztee und eine große Schokotorte mit meinem Namen drauf, die ich natürlich auch wieder anschneiden musste. Ganz nett, von Ilhems Eltern hab ich ein Set von Pantoffeln, Handtuch und Spezialhandtuch, das man wie ein Kleid anziehen kann, bekommen. Eigentlich wollte ich und eigentlich war es auch schon abgesprochen, dass Narimene und ihre Mutter heute Nachmittag zu mir kommen, aber sie haben es vergessen. Tjaja...

Vorgestern waren wir endlich mal tagsüber auf Lalla Seti! Das ist der Berg, an dem Tlemcen liegt, mit der "Heiligen" und das als touristisches Zentrum ausgebaut wurde. Und wie es sich gehört, haben wir alles gemacht: Wir sind mit der Seilbahn raufgefahren, sind auf den Turm gestiegen, haben einen Rundgang gemacht und auf ganz Tlemcen runtergeguckt und in einem der Restaurants Gegrilltes gegessen. Tlemcen als Stadt ist einfach wunderschön und erst die Umgebung... eine Wucht. Es ist eine Hochebene und ist unbeschreiblich beeindruckend. Bei gutem Wetter soll man eine spanische Insel sehen können, aber es war zu diesig, als wir oben waren.

Mir ist da übrigens was aufgefallen. Ich hatte ja geschrieben, dass beim Schlachter ein halbes Schwein hängt... In einem Land, in dem es von der Staatsreligion her verboten ist, Schweinefleisch zu essen und in dem man glaubt, dass im Schweinefleisch Viren sind, die Krebs verursachen, wird man wohl kaum mit eben jenem werben. Ich hab echt lange überlegt, was es wohl war und ich vermute, es war ein Hammel, was bei uns ja nicht so verbreitet ist.

Nicht nur wir haben Vorurteile gegenüber Muslime und arabische Länder, sondern auch umgekehrt. Manchmal fass ich mir echt an den Kopf und denke nur, was war denn das jetzt? Beispiele gefällig? Er: "In Deutschland isst man ja ganz oft Pommes" - Ich: "Nein" - Er: "Doch!" Dabei habe ich in den letzten drei Wochen mehr Pommes gegessen als in den letzten drei Jahren! Pommes mit Fleisch, Pommes mit Ketchup, Pommes zu Gegrilltem, Pommes im Brot, Pommes im Brot Spezial mit Ei und Geflügelhack, Pommes im Restaurant, Pommes selbst gemacht... Sie: "Bei uns putzt man das Gemüse noch selbst, Ihr kauft das ja immer agepackt." Mag sein, dass das viele machen, aber ich nicht (nur ganz selten, wenn ich überhaupt keine Lust habe...)! Und wer mich kennt, weiß dass es bei mir viel frisches Gemüse gibt... Sie: "In Europa und in den USA sind die Kinder dick, weil sie nur Süßes essen." Das wundert mich allerdings sehr. Die Speisen hier sind alle ziemlich fett, das Gemüse wird selten frisch gegessen, sondern ist immer komplett durchgekocht, es werden kaum ungesüßte Getränke getrunken (mindestens vier Würfel Zucker in einem Espresso, zum leckeren, frisch gepressten Orangensaft wird Zucker gereicht, Limo oder Saft statt Wasser und ich werd hier jedes Mal schräg angeguckt, wenn ich nur ein Wasser bestelle "Und was soll dazu??") und die Süßspeisen triefen nur so von Zucker und Fett. Und überhaupt sind wir zu freizügig, warum wir denn nicht direkt nach der Hochzeit Kinder machen (der mit dem ich in diese Diskussion geraten bin, hat wirklich Kinder machen gesagt "faire des enfants") und generell, es geht doch nicht, dass ein Mädchen einen Mann mit nach Hause nimmt und nach drei Wochen kommt ein neuer, die armen Eltern!

So, jetzt muss ich aber wirklich Mücken jagen! Will sagen, ich will schlafen, aber ich hab jetzt schon zwei Nächte schlecht geschlafen, weil ich von Mücken geplagt wurde und das Mückenspray, das ich zur Genüge verteilt habe, nicht wirkt und ich es noch nicht geschafft hab, mir etwas wirkungsvolleres zu kaufen. Morgen gehts übrigens nach Oran (die nächstgrößere Stadt) oder ans Meer (aber es soll regnen und es hängt davon ab, ob derjenige, der das Auto hat, Benzin findet, das ist hier gar nicht so leicht) oder zu Grotten bei Tlemcen. Soyez spontanés! Bisou links bisou rechts

Kuchen anschneiden mit Baby im ArmPrécile, Fetih und ich mit Chech, dem Turban der TuaregChech, der Turban der Tuareg, die Nomaden der Saharagewappnet für den nächsten SandsturmSeilbahn über Tlemcenüber die Dächer TlemcensTlemcen, la perle de l'Algérieüber Tlemcenvor dem Turm auf Lalla Settiam BerghangKuchen anschneidenSchokokuchen!

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Montag, 02.05.2011 Umzug II

Ich bin gestern spontan zu Précile gezogen. Ich habs da einfach nicht mehr ausgehalten. Jetzt schlaf ich in ihrem Wohnzimmer, das aber sehr gross ist. In der Wohnung sind ungefähr 9 Betten, also ich muss jetzt nicht auf der Couch schlafen. Perfekt ist diese Wohnung aber auch nicht... Die Dusche hat ein Leck und man kann sich entweder hockend duschen oder einen Eimer mit warmem Wasser füllen und sich mit einer Kelle das Wasser übergiessen. Aber das ist zu ertragen.

Ja, heute ist mein Geburtstag. "Heute kann es regnen, stürmen oder schneien, lalalala..." Ich wollte mir eigentlich eine Shoppingtour in der Stadt schenken, aber ich hab zu lange geschlafen und musste mich erst mal in der neuen Wohnung einrichten, deshalb hab ich das nicht geschafft. Ich bin bei mir um die Ecke einkaufen gegangen, in eine "Superette". So heissen hier, ohne Witz, die Tante-Emma-Läden! Dort gibt es trockene Lebensmittel, Käse, Wurst, ein paar Drogerieartikel und Reinigungsmittel. Manchmal bekommen sie auch Brot von Bäckern geliefert, aber eigentlich ist das auch getrennt. Für Obst und Gemüse geht man wieder zu einem anderen Händler oder zum Markt. Wieder extra ist Fleisch (sehr einladend manchmal mit einem halben Schwein in der Tür) Es gibt sogar Läden, in denen stehen nur Berge von Eiern und nichts anderes!

Heute Abend kochen wir, machen einen chilligen. Précile hat einen ihrer Jungs gefragt, ob er nicht Wein besorgen kann, bzw. sie hats ihm ins Ohr geflüstert und er hats rausposaunt. Und ich glaub, ich krieg einen Schal geschenkt, ich wurde gaaanz unauffällig gestern abend gefragt, ob mir sowas gefällt und welche Farben ich mag. Übrigens hab ich vor meiner Abfahrt schon zwei Geschenke gekriegt, die lagen die ganze Zeit brav im Schrank. Ein Krimi Komissar Beck, (danke Rita, Sophie und Leonie! Wenn ich zurück komme, kann ich dann auch endlich mal mitreden...) und eine wunderschöne Kette von meinen Eltern mit einem schlichten blauen Stein.

So, ich muss jetzt wieder los, gleich ist Deutschkurs und ich muss noch mit dem Prof reden. Also, bisou links und bisou rechts

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Samstag, 30.04.2011 Musikfestival in Tlemcen

Was bin ich entspannt! Ich bin wieder bei meiner Gastfamilie, um das Wochenende dort zu verbringen. Hier brauch ich wenigstens keine Angst zu haben, bei jedem Schritt auf Kakerlaken oder ähnliches zu treten. Auf die Dauer muss ich eine Lösung finden, denn die werden sicher immer wieder kommen, bei Türen, die nicht richtig schließen. Vielleicht nimmt mich ja Précile auf? Montag ist mein Geburtstag. Ich denke, ich werde den Abend mit ihr verbringen. Vielleicht lad ich am Freitag noch Leute ein, aber bei der verseuchten Küche, ist es wohl ausgeschlossen, etwas anzubieten. Deshalb muss ich wohl wieder auf Précile die Liebe zurückgreifen.

Tlemcen ist eine kleine Stadt. Wenn dann mal irgendwas los ist, geht jeder hin! Und weil Tlemcen eine kleine Stadt ist, geht jeder hin, weil er jemanden kennt, der dort mitspielt. Seit Mittwoch läuft ein Musikfestival: "Festival de Musique Andalouse et des Musiques anciennes". Die Musique andalouse ist traditionelle, folkloristische Musik der Stadt. (z.B. http://www.youtube.com/watch?v=aKXF90kWPJw) Als die Muslime aus Spanien vertrieben wurden, haben sie ihre Musik mit nach Nordafrika genommen. Es werden hauptsächlich Streich- und Zupfinstrumente benutzt und Rhythmusinstrumente. Es klingt eigentlich ganz gut, aber es ist sehr monotone Musik und die einzelnen Stücke sind endlos lang und untereinander verbunden. Weiterhin sind internationale Gäste eingeladen, die ihre traditionelle Musik vorstellen. Am Mittwoch haben wir iranische Musik kennen gelernt (hat mir überhaupt nicht gefallen!) und in der algerischen Gruppe hat der Leiter des Fremdsprachenzentrums mitgespielt. Die Organisation hat nicht hingehauen, deswegen ging die Veranstaltung bis nach halb zwölf! Und die langweiligen Iranier waren als zweites dran! Also nichts gegen sie persönlich, aber es war einfach zu lang und die Musik nicht so mein Geschmack.

Gestern Abend waren indische Gäste da (die Musik hat mir sehr gut gefallen, den Algeriern überhaupt nicht) und wieder eine andere traditionelle Gruppe, diesmal haben zwei Cousins und ein Onkel von Narimene mitgespielt. Im Vergleich mit der ersten Gruppe waren sie schlechter und die Musik ist und bleibt eintönig. Immerhin war das Konzert um halb 11 zu Ende. Die Gruppe ist aber sehr bekannt, deshalb waren doppelt so viele Leute da, wie Plätze im Saal, ein Chaos war das! Und ich hab so den Verdacht, dass alle Tlemceniens die Musik toll finden, weil sie eine Tradition der Stadt ist und man hier eher konservativ ist. Aber eigentlich mögen sie sie gar nicht. Es wurde pausenlos gelabert und ständig klingelt das Handy! Der Moderator hat sogar gesagt, dass alles live im Fernsehen übertragen wird, aber pfff... Richtig unhöflich auch den Musikern gegenüber! Naja, vielleicht ist das wieder so ein kulturelles Ding, das aus Europa kommt dass man still dasitzen muss.

Der Onkel und die Cousins von Narimene wohnen in Oran, das ist eine etwas größere Stadt, die ungefähr 140km entfernt ist. Der Onkel ist auch der Onkel der Cousins, wenn ihr versteht, es sind also zwei Familien aus Oran nach Tlemcen gekommen. Insgesamt hat die Mutter von Narimene 5 Geschwister. Die zwei Brüder in Oran, einen Bruder und zwei Schwestern in Tlemcen. Sie haben zusammen 15 Enkelkinder in die Welt gesetzt und inzwischen gibt es schon ein Urenkelkind. Und 3/4 dieser großen Familie hat sich gestern vor dem Konzert spontan bei den Eltern zum Kaffee eingefunden. Ich kann es mir gar nicht vorstellen, Teil einer so großen Familie zu sein, ich hab ganze zwei Cousins und eigentlich kenne ich nur einen davon. Es war eine Lautstärke und mit zwei kleinen Kindern, die rumrennen, passiert ständig was.

Morgen ist Sonntag und weil erster Mai ist, sogar ein richtiger Sonntag! Wir wollen morgen vielleicht ein bisschen shoppen gehen, hoffentlich sind die Geschäfte auf! Übrigens krieg ich jedes Mal einen Knoten im Kopf, wenn ich die Preise hier sehe. Die Basis ist einfach: 1€ sind ungefähr 100 algerische Dinar. So, 310 Dinar sind also 3,10€ (durch Hundert teilen, bzw. zwei Nullen wegstreichen). Manche rechnen aber auch in Centimes, das sind dann 31 000, zwei Nullen wegstreichen sind 310 Dinar, durch Hundert teilen sind 3,10€. Man kann die Centimes aber auch mit 31 abkürzen, dann muss ich die drei Nullen wieder dazurechnen (31+000), zwei Nullen abziehen (31+000-00), um dann wieder durch Hundert zu teilen (31+000-00:100). Kapiert?

Mit diesem Zahlenspiel sag ich Gute Nacht und reiche noch ein paar Bilder nach! Bisou links und bisou rechts

der Meshouar in TlemcenOsterei gefunden!OstereiersucheIch passe mich an!Narimene und ich in der Sonnemit der Familie im Konzertalle Musiker vom 29.4.Musiker in traditioneller Kleidung

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Dienstag, 26.04.2011 Ich bin eine Mörderin

Ja, ich bin eine Mörderin und das am Ostermontag! Aber bei Kakerlaken und anderem Ungeziefer kenne ich kein Pardon. Es ist so widerlich; ich kann mich nicht frei bewegen, ohne dass ich Angst habe, auf etwas Krabbelndes zu treten. Uääh! Anissa, eine Freundin von Précile hat mir ein Mittel empfohlen, mit dem ich die Oberflächen eingesprüht habe. Die Wohnung riecht jetzt schön nach Zitrone, aber wer weiss, was ich da noch so alles einatme... Das Schlafzimmer hab ich deshalb ausgespart. Trotzdem hat es eine sterbende Kakerlake geschafft, sich bis ins Zimmer wu schleppen. Sie hatte aber wohl schon genug Dämpfe eingeatmet; sie lag zappelnd auf dem Rücken. Ich hab ihr dann mit einer Zeitung den Todesstoss gegeben.

Noch etwas typisch Südländisches ist mir gestern passiert und das zum ersten Mal. Hach, das erste Mal sollte doch eigentlich romantisch sein, aber es ist in einem überfüllten Bus passiert und kam so plötzlich, dass ich es zuerst gar nicht mitgekriegt habe. Ich habe heute einen Heiratsantrag bekommen! Ich wollte mit einem Kollegen aus dem Büro des Sprachzentrums eigentlich nur zu Mittag essen, aber weil der Campus neu ist, gibt es dort noch nicht so viel, nur eine eklige Mensa, also sind wir zu einem anderen Campus gefahren (insgesamt sind es 7, ich bin im neuesten und grössten, das Wort gross ist eigentlich untertrieben, der Campus ist total überdimensioniert!!). Alsowir standen im Bus, er macht mir Komplimente, dann spricht er davon, dass ich ihm schon von Anfang an aufgefallen wäre, dann kommt die Mitleidschiene, dass ich in seinem Herzen den verstorbenen Bruder ersetzen, dann als er das Wort "Beziehung" in den Mund nimmt, greife ich ein und mache deutlich, dass wir nur zusammen Bus fahren! Ja, wir hätten ja nur so wenig Zeit, deswegen muss alles schnell gehen. Und wenn wir heiraten; könnte ich auch so schöne Kleider tragen wie die Braut. Ha! Wovon träumt der nachts?? (Hoffentlich nicht von mir...) Also, ich habs geschafft, diese Illusionen ebenfalls wu ermorden. Obwohl er heute davon ausgegangen ist, wieder mit mir Mittag essen zu gehen. Männer ey!

Ich hab heute meine erste Unterrichtsstunde in dem Deutschkurs gegeben und sie vollkommen überfordert. Ich dachte, ich fang mit was einfachem an, Fragen um sich danach gegenseitig vorzustellen. Sie haben nix kapiert! Naja, scheint aber trotzdem erfolgreich gewesen zu sein, sie wollen morgen wieder kommen, dann weiss ich ja, was ich vorbereiten kann.

Ich würd euch jetzt gern noch mehr erzählen, aber ich sitze an einem Computer in der Fondation und das Büro wird gleich geschlossen. Leider funktioniert das Internet in der Wohnung überhaupt nicht und in der Uni nur begrenzt. Also werd ich mich bei Gelegenheit mal wieder melden und bis dahin macht euch keine Sorgen! Bisou links und bisou rechts

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Samstag, 23.04.2011 Umzug

Bald zieh ich in meine neue Wohnung. Vorhin haben wir schon eingekauft, das nötigste hab ich jetzt, um erst mal ein paar Tage auszukommen. Das interessanteste dabei: l'eau de Djavel (Djavelwasser). Keine Ahnung, was es genau ist, aber es soll 99,99% der Bakterien töten. Man kann es verwenden, um den Kühlschrank zu putzen, aber auch um Gemüse zu keimfrei zu bekommen.

Hab ich erwähnt, dass in der Wohnung ein Plumpsklo und eine Waschmaschine, die von Hand zu bedienen ist, sind? Ich werde detailliert berichten. Vielleicht beim ersten Punkt nicht so ganz im Detail...Dies sind Bilder, die ich in einer identischen Wohnung gemacht habe. Dort wohnt die liebe Französin, ich im Haus gegenüber.

die Wohnung untenWohnzimmerFlur

Hab ich eigentlich schon mal ein Bild von Tlemcen gezeigt? Dadurch, dass ich häufig im Auto unterwegs war, hab ich noch nicht so viele Bilder von der Stadt. Oben auf dem Berg ist ein Monument für eine Heilige (wenn es das im Islam gibt), Lalla Seti, man hat daraus aber eine Art touristisches Zentrum gemacht, mit Cafes, Hotel, einem See etc. Ich war noch nicht dort oben, werd es aber mit Sicherheit noch tun!

Tlemcen, la perle

Liebe Grüße, bisou links, bisou rechts

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Freitag, 22.04.2011 Hochzeit à la Tlemcènienne

Ca y'est, die Hochzeit ist schon vorbei.

Nach 1. der Verlobungsfeier, 2. dem Präsentieren der Aussteuer, war nun Punkt 3 die Hochzeit und damit ist nun wirklich alles geschafft. Ich glaube, heute ist noch eine familieninterne Feier, aber nichts mehr für die Öffentlichkeit.

Wie auch schon bei der Verlobung ging es in der Hauptsache darum, die Braut für alle sichtbar zu präsentieren. Die Feier beginnt für die Frauen schon bei ihr Zuhause. Sie bekommt ein traditionelles Kleid und ganz besonderen Schmuck angezogen. Diese Tradition gibt es nur in Tlemcen! Hier kennt jeder die verschiedenen Kleider, ich sehe da nicht so viele Unterschiede, aber sie besagen auch immer etwas über den Status der Frau aus. Junge Mädchen dürfen gewisse Kleider z.B. nicht tragen, und die Braut keinen Gürtel usw. Also das erste Kleid der Braut war eigentlich kaum zu sehen, denn sie beladen mit Schmuck. 40kg (!!) an Perlenketten und noch mal 20kg Krone. Die Krone wird zudem sehr fest gezogen und muss furchtbar drücken. Ich hab im Stillen gedacht, ob die Braut wohl für die erste Nacht matschig gemacht werden soll? Es sieht auf jeden Fall wahnsinnig schön aus, obwohl sie mir total Leid getan hat. Also, noch zuhause wird sie von den Frauen angekleidet, mit youyous (das sind diese hohen Töne, die die Frauen zu Hochzeiten machen, wie in dem Youtube Video über Tlemcen) begrüßt, dann kommen schonmal der Kameramann und Fotograf und die Musiker spielen ein erstes Mal. Dann gings runter, ins Auto und im Konvoi zum Festsaal. Dort wird sie von frisch verheirateten Frauen, die auch diese Tracht tragen, bloß mit Gürtel und weniger schwer, begrüßt und unter einem großen Schleier geschminkt. Anschließend muss sie sich auf einem Stuhl stehend allen präsentieren. Ihr wurden rote Kreise mit weißen Stippen auf die Wangen gemalt, sie errötet sozusagen vor ihrem Ehemann.

Dann wird gewartet bis der Bräutigam kommt. Den Gästen wird zu essen serviert, das ähnlich wie bei der ersten Feier war, es werden viele Fotos geschossen und zugeguckt, wie eine andere Gruppe von Musikern ihre Instrumente aufbaut. Ich kenne die genauen Unterschiede nicht, aber diese Gruppe spielt andalusische Musik. Das hat nix mit Andalusien zu tun, sondern ist eine Tradition der Region. Ich hab übrigens einen Kaftan getragen, ein traditionelles Kleid mit einem breiten Gürtel. Den Vortag hatte Narimene mir schon Henna aufgetragen ich hab ein nettes kleines Blumenmuster auf meiner linken Hand. Das Kleid war aber zu lang für mich und ich hatte keine hochhackigen Schuhe eingepackt, also musste ich es bei jedem Schritt hochheben. Nach Mitternacht, ich glaube, es war schon 1 Uhr hab ich mich umgezogen, sodass ich wenigstens mit den anderen entspannt tanzen konnte.

Ja, ich muss zugeben, es ist alles leicht kitschig... aber der Ehemann kommt mit Feuerwerk und Musik auf einem Pferd angeritten. Weiß muss es sein. Dann geht er zu seiner Zukünftigen, ihr wurde jetzt ein weißes Tuch über den Kopf gelegt, nimmt das Tuch ab und küsst ihre Wangen. Nach dem obligatorischen Posieren für die Kameras, ziehen sie sich zurück und die Braut darf sich endlich umziehen. Im Laufe des Abends wird sie wie bei der Verlobung 5 Kleider tragen. Die ganze Feier ist eine Abfolge von Braut kommt, Kleid bestaunen, Fotos schießen, Braut tanzt zu der andalusischen Musik, Braut setzt sich oder verschwindet wieder, alle tanzen zur Musik vom DJ, Braut kommt, Kleid bestaunen...

Als letztes Kleid trug sie ein weißes. Da dies eigentlich eine europäische Tradition ist, musste die Verarbeitung und der Stoff arabisch sein. Ein wirklich sehr hübsches Kleid hatte sie an. Als letztes haben sie die Ringe getauscht und einen mehrstöckigen Kuchen angeschnitten. Es passte nicht wirklich zum Rest der Zeremonie. Anschließend sind sie zu ihm nach Hause gefahren. Auf dem Weg wollte sie den Brautstrauß ihrer Freundin Narimene zuwerfen, die direkt neben mir stand. Naja, sie hat daneben gezielt und ihn mir direkt ins Gesicht geworfen. Ich hab ihn dann mit den Armen zu Narimene weitergeworfen, aber nicht mit den Händen gefangen. Das zählt nicht oder? Und dann war die Feier zu Ende, das war so gegen 4:30 Uhr.

Also ich bin echt froh, nicht auf diese Art heiraten zu müssen. Es ist von allem ein bisschen zu viel und wenn man bedenkt, dass ein Kleid so 500 € kostet und der ganze Schmuck, die vielen Gäste, die verschiedenen Musiker. Da läppert sich einiges zusammen. Bei uns hat man wenigstens die Wahl, ob das Fest imposant sein soll oder nur im kleinen Kreis. Hier kann man nichts weglassen, sonst wird hinterher negativ darüber geredet.

Heute Abend gibts Vanillepudding, von mir gemacht! Mal gucken, wie es den anderen schmeckt. Ob ich wohl eine Folge Tatort online finde? Liebe Grüße, bisou links, bisou rechts Küssend

Hennaim Kaftan stehendim Kaftan sitzenddie Braut noch zuhausedie ganze Tracht im Detaildie Braut (2. von links) zwischen den kürzlich verheirateten Frauender Bräutigam steht auf dem Pferddie kürzlich verheirataten Frauen begrüßen den Bräutigamvereintmeine Gastfamiliedas Brautpaar (2. Kleid)FamilienfotoKuchen anschneidenin weiß

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